Notizen zu Magnolia

Der Film erzählt keine Geschichte. Die Handlungsstränge bilden keine Geschichte. Sie dienen dazu, Einiges aufzuzeigen. Erstens zeichnen sie das Bild einer kaputten Gesellschaft. Einer Gesellschaft, deren Luxus zu Verblödung und deren konstante Reizüberflutung zu emotionaler Abstumpfung führen. Der Film zeigt aber auch, wie das Leben von Menschen in verschiedensten Lagen und Lebensabschnitten von denselben Thematiken beherrscht wird: Vergangenheitsbewältigung, Schuld, Vergebung, Liebe, Sexualität, Familie, Bedauern, Bereuen, Fehler, unerfüllte Erwartungen. Der Film benötigt die vielen Handlungen und die gesamte Länge, um verständliche Anschauungsbeispiele für die grossen Fragen des Lebens zu liefern. Der Film will uns darauf aber keine Antworten geben. Nein, er beschränkt sich darauf, bekannte, ja allgegenwärtige Problemkreise anhand überspitzter (dramatisierter) Situationen aufzubereiten, und sie zugleich zu abstrahieren. Indem gezeigt wird, wie das Leben einer Vielzahl von Menschen um dieselben Dinge kreist – wenn auch in anderer Gestalt – lösen sich die Thematiken von den Ereignissen.
In seiner Wendung zum Surrealen gegen das Ende (es regnet Frösche vom Himmel) zeigt der Film, dass hier nicht reale Gegebenheiten erzählt werden sollen, sondern vielmehr, dass sich die Filmemacher ein gewaltiges Gedankenexperiment erlauben, das eben nur in der fiktionalen, visuellen Welt des Films möglich ist. Es ist ein Gedankenexperiment darüber, was es heisst, ein Mensch zu sein. Ein Mensch überhaupt, ein Mensch im Verhältnis zu seiner Familie, ein Mensch im Verhältnis zur Gesellschaft, ein Mensch im Lichte der eigenen Vergangenheit.
Die Nervosität der Handlungen, der Musik, der Schnitte macht den Genuss des Films schwierig. Der Film wühlt den Zuschauer auf, er macht das Zusehen zu einer unangenehmen Erfahrung. Wahrscheinlich soll uns ein Spiegel vorgehalten werden. Wir sollen dazu gezwungen werden, uns selbst anzusehen. Uns zu analysieren. Uns die schwierigen, grossen, unmöglichen Fragen selbst zu stellen. Uns mit unserer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Unsere Fehler wieder aufzuarbeiten, uns unsere Versäumnisse vor Augen zu führen.
Es ist weniger Unterhaltung als zeitgerechte Pseudophilosophie, die uns hier vorgeführt wird. Sie bringt uns zwar nicht weiter, sie kann uns aber wenigstens zum Denken und Innehalten anregen.

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