Stimmung statt Inhalt – „Imaginarium of Dr Parnassus“ und „Bright Star“

Dies soll kein Kinokritik-Blog werden. Dennoch regen mich Filme immer wieder zu spontanen Reaktionen an. Und weil sich diese auf einen konkreten Gegenstand beziehen, gelingt es mir eher, sie zu einem Abschluss zu bringen. Ausschweifende Gedankenverstrickungen haben und nehmen kein Ende.
Genug der Vorrede.

Am vergangenen Wochenende habe ich zwei Filme besucht, deren Reiz und Schwachpunkt eine ähnliche Ursache haben. Zum einen „The Imaginarium of Doctor Parnassus“ (von Terry Gilliam) und zum anderen „Bright Star“ (von Jane Campion). Beide Filme haben durch ihre visuelle Stärke überzeugt und mich mit ihren Bildern in ferne Welten versetzt. Die Fokussierung auf die Eindrücklichkeit der geschaffenen visuellen Kunstwelt wird aber beiden Filmen auch zum Verhängnis. Sie verlassen sich zu sehr auf die Wirkung ihrer Bilder und der ihnen eigenen Optik, und vernachlässigen die Ausarbeitung der Handlung. Auf die Leinwand des optischen Gefühls werden Motive der Story wie erratische Farbkleckser geworfen, die sich nicht so recht vereinen wollen. Aber alles der Reihe nach.

Im „Imaginarium of Doctor Parnassus“ werden uns Farborgien fantastischer Traumwelten vorgeführt, die allein schon den Kinobesuch lohnen. Der Schritt durch einen Zauberspiegel bringt uns in eine Welt, die von unserer Vorstellungskraft fortlaufend erschaffen wird und in der wir uns der immergleichen Versuchung des Bösen erwehren müssen. Der Film will aber keine Märchengeschichte sein. So reichert er sich mit spirituell-philosophischen Motiven an. In deren Zentrum steht der titelgebende Doktor, der in einen Pakt mit dem Teufel seine Unsterblichkeit mit der Seele seines Kindes erkauft hat. Ab ihrem 16. Geburtstag gehört die hübsche Valentina dem Leibhaftigen. Die Bedeutung dieses Handels um die Unsterblichkeit wird nur anhand eines unsäglichen Familiendramaklischees dargestellt. Parnassus trinkt sich ins Elend, um die Konsequenzen des Loslösungsprozesses zu verdrängen. Auch die mythischen Anfänge des Doktor Parnassus dienen mehr als Vorwand für weitere atemberaubende Bilder, als dass sie zur Herausbildung einer Aussage beitragen würden. Überhaupt gelangt der Film nicht zu einem Punkt. Das Auftauchen des (beinahe) erhängten Tony/George bringt etwas Bewegung in die Geschichte. Doch die schussendliche Aufdeckung der dunklen Vergangenheit, die sein Nahtod aus seinem Gedächtnis entfernt hat, bewegt uns nicht sehr. Man weiss nicht was damit anzufangen ist, und wieder fehlt dem Film die Entschiedenheit zur Zusammenfügung seiner Motive zu einem kohärenten Erzählungsgebilde. Der Film begnügt sich damit, durch seine Bilderwelten das Publikum ins Staunen zu versetzen und die Suche nach den Antworten auf die aufgeworfenen metaphysischen Fragen vergessen zu lassen.
Nichts zu beanstanden geben hingegen die Darsteller. Christopher Plummer mimt den griesgrämigen, unsterblichen, apathischen Magier mit einer angemessenen Mischung aus aufgebrachter Verzweiflung und stoischer Ruhe. Heath Ledger macht seine Sache gut; seine flapsige, charmante, ungreifbare Darstellung des gedächtnislosen Tonys ist sehenswert. Allerdings erschwert sein Tod (der den Dreharbeiten eine jähe Unterbrechung aufdrängte) eine Beschränkung auf den Wert seiner künstlerischen Leistung. Höhepunkte des Films sind die Auftritte der Ledger-Ersatzschauspieler, die seine Fantasiesequenzen übernehmen. Leider fällt Jude Law gegenüber Johnny Depp und Colin Farrell stark ab. Das Glanzlicht ist – in meiner bescheidenen Wahrnehmung – eindeutig die wandlungsfähige Lily Cole. Von der abendberobten Schönheit zum Trödlermädchen, vom träumerischen Teenager zum schwärmenden Fräulein – sie meister die Vielfalt ihrer Rolle als Tochter Parnassus hervorragend. Und Gilliam weiss ihre Schönheit, die aus der Reibung zwischen ausseralltäglicher Übernatürlichkeit und seltsamer Durchschnittlichkeit entsteht, gekonnt ins richtige Licht zu setzen.
Alles in allem ein mittelgradig gelungener Film. Beschränkt man sich auf den Genuss der üppigen, originellen, fantastischen Bilder und der fähigen Besetzung, vermag „The Imaginarium of Doctor Parnassus“ durchaus zu überzeugen. Wer allerdings eine Ausarbeitung der skizzenhaften Motive und eine deutungsfähige Aussage erwartet, wird enttäuscht.

Der zweite Film, „Bright Star“ über Leben und Liebe des englischen Romantikdichters John Keats, ist stark von seiner Handlung getrieben. Es wird linear und verständlich aufgezeigt, wie Keats und Fanny Brawne sich treffen, verlieben und auf ihre Weise an der Unmöglichkeit ihrer Liebe scheitern. Die Regisseurin weiss um die Banalität ihrer Geschichte und verwendet sie als Hintergrund, vor dem sie Gesellschaftskritik, Poesie und Gefühl vorführen will. Das gelingt nicht vollends. Kostüme, altertümliche Sprache und verstockte Sitten werden ohne kritische Distanz dargestellt. Der Betrachter bekommt den Eindruck, als habe sich Campion zu sehr in den „Look & Feel“ der Zeit verliebt. Nach einer gewissen Zeit werden die Nahaufnahmen von Mobiliar, Kostüm und Natur zum Selbstzweck und verlieren ihre Funktion als Handlungsträger und Metaphern.
Durchaus gelungen sind die Visualisierungen der Poesie. Viele Einstellungen kommen als bildgewordenes Gedicht daher und die wörtlichen Bezüge von Bild und Text sind stellenweise hervorragend.
Doch über alles besehen vermag der Film die Falle der historisierenden Beschaulichkeit zu vermeiden, die allzu oft das Genre des Epochen- und Kostümfilms heimsucht. Die Geschichte überträgt sich nicht in unsere Zeit und der Film bleibt ein in sich geschlossenes Schaukästchen. Nach dem Abspann brauchen wir zwar einige Zeit, um das schleimige Sentiment loszuwerden, aber darüber hinaus hinterlässt „Bright Star“ kaum Spuren. Er brachte keine Erkenntnisse und regte mich nicht nachhaltig zum Denken an.
Wiederum sind die Bilder schön und die Darsteller gut.

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